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THEMA: Konzeptuelle Unterschiede zwischen amerikanische und französischen Bauformen

Konzeptuelle Unterschiede zwischen amerikanische und französischen Bauformen 23 Apr 2005 12:35 #2598

  • max
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Ich möchte in diesem Thread nochmals auf die unterschiedlichen Konzepte „französische/amerikanische Bauweisen bei Saxophonen eingehen. Einigen Lesern wird dieses Thema schon vertraut sein, Anderen vielleicht noch nicht, so dass Verwunderung darüber entsteht, wie sich die Lager der Anhänger für das Eine und wider das Andere (französischer Klang einerseits/amerikanischer Klang/alte Amerikaner usw. andererseits) derart polarisieren können.
Ich lehne mich dabei eng an ein (das) Standardwerk zum Thema an, nämlich Ventzke/Raumberger/Hilkenbach „Die Saxophone“. Wer mehr zu dem Thema erfahren möchte, kann sich hier noch weiter einlesen.

Das erste Saxophonpatent für Adolphe Sax 1846 beschreibt die Korpusform als parabelförmigen Konus („cone parabolique“). Erst das zweite Patent 1866 führt neben Neuheiten und Verbesserungen auch einen geraden Konus auf („Cone droite“). Wobei wir schon bei dem Hauptunterschied zwischen französischer und
amerikanischer Bauweise wären: Während originale Sax-Instrumente aus dem 19 Jahrhundert mit parabolischem Korpus gefertigt wurden, eine erheblich schwieriger zu bewerkstelligende Aufgabe, und amerikanische Hersteller diese Bauweise weitgehend übernahmen, beruht das französische Konzept (wie auch die japanischen Saxophone und alle "modernen" Saxophone überhaupt) auf einer geraden Korpusform. Also erst das zweite Patent legitimiert die französische (moderne) Bauweise als Saxophon. Ironischerweise wären diese Instrumente ohne die vorweggenommene Idee von Adolphe Sax genau genommen nur saxophonähnliche Instrumente.

Wobei hier auch zu unterscheiden ist zwischen originalen Adolphe Sax Instrumenten mit parabolischer Krümmung und späteren amerikanischen Vintage-Instrumenten, bei denen eine parabolische Krümmung in unterschiedlicher Ausprägung, vor allem im unteren Teil des Korpus und im Schallbecher auftritt. Diese ist auch mit bloßem Auge gut zu erkennen, wenn man das Saxophon von der Seite betrachtet.
Es existiert also nicht nur eine streng parabolische und streng konische Auslegung, sondern unterschiedliche Umsetzungen der Hersteller in den verschiedenen Bereichen der Schallröhre bei Vintage-Amerikanern, während heute streng konisch gebaut wird.

Wie macht sich dieser konzeptuelle Unterschied in der Praxis bermerkbar? Dazu Ventke/Raumberger/Hilkenbach:

„Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass Saxophone aus amerikanischer Produktion (z.B. Buescher, Conn, Martin, Olds, King) eine deutlich andere Tonqualität und Ansprache haben als französische Instrumente (Selmer, SML, Buffet-Crampon, Dolnet und andere): während die amerikanischen Saxophone in der Regel sehr leicht ansprechen, besonders in der Tiefe, und einen sehr warmen, direkten, satten und vollen Klang haben, zeichnen sich die französischen Saxophone durch einen etwas distanziert wirkenden, kühleren, aber sehr farbig glänzenden und in allen Registern besonders ausgeglichenen Ton aus. Offenbar ist das Obertonspektrum bei den französischen Instrumenten etwas reicher; dadurch ist die Tragfähigkeit des Tons größer als bei den amerikanischen Saxophonen, wenn auch die Tiefe mitunter etwas flach wirkt und nicht so leicht anspricht. Dafür ist die Höhe besonders strahlend. Der Klang französischer Saxophone verträgt sich besser mit einem Holzbläsersatz, dagegen passen die amerikanischen Saxophone besonders gut in reine Blasmusik. Beider Klang-das muß betont werden- ist jedoch gleichermaßen kultiviert.“

Natürlich werden diese prinzipiellen Unterschiede noch durch andere Parameter beeinflusst und verstärkt, wie die Wahl eines entsprechenden Mundstückes, die Zusammensetzung des Korpusmaterials (alte Messinglegierungen hatten einen höheren Kupferanteil, die Bleche waren auch nicht durch Hämmern und Walzen verdichtet und gehärtet), die Sorgfalt bei der Fertigung (z.B. aufgesetzte Tonkamine statt gezogen), etc.

Und an anderer Stelle zitiert: “Ob sich ein Musiker für ein „amerikanisches“ oder „französisches“ Instrument entscheidet, ist Sache der persönlichen Affinität- und natürlich auch des Wissens um diese Dinge und der persönlichen Erfahrung. Ich selbst fühle mich auf den „amerikanischen“ Instrumenten besonders wohl, im Gegensatz zu den meisten Bläsern: deren Erfordernisse- sehr präzise Intonation bei hartem Klang und meist großen Lautstärken (Big Band, Rock, Pop)- kommen die „französischen“ Modelle mehr entgegen...doch auch die Mehrzahl der konzertanten Saxophonquartette benutzt Instrumente des französischen Typs. Man muss zugeben, dass sich auf Ihnen irisierende, transparente Klangfarben erzielen lassen: ehrlicherweise muss aber auch eingeräumt werden, dass es schwierig ist, auf diesen Instrumenten im Pianobereich einen dünnen, in der Tiefe knarrenden Ton mit hohem Geräuschanteil zu vermeiden. Auf den „amerikanischen“ Saxophonen geht das viel besser...das akustische System <parabolische Schallröhre plus Schnabelmundstück mit weiter Kammer> hat die Eigenschaft, ein Obertonspektrum auszubilden, welches über den gesamten Tonumfang und bei allen Lautstärkegraden eine bemerkenswerte Konstanz aufweist.
Und eben das ist es, was den Klang des ursprünglichen Saxophons so faszinierend macht: ein Klangvaleur von unbestimmbarer Qualität, gleichsam wie aus dem Nichts, schwer einzuordnen, ein Klang ohne Eigenschaften, nicht markant und doch von sanfter Eindringlichkeit; ein Klang, den es vorher nicht gegeben hat. Es ist die große Leistung von Adolphe Sax, diesen Klang imaginiert und durch seine spezifische Konstruktion realisiert zu haben.“

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Konzeptuelle Unterschiede zwischen amerikanische und französischen Bauformen 23 Apr 2005 18:55 #2602

  • Bloozer
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Interessant und aufschlußreich.
Ich muß sagen, ich hab wenig Ahnung, aber wenn ich dieses vorher gewußt hätte, hätt ich vielleicht mal vor dem Kauf daraufhin Tenorsaxophone verglichen.
Nun spiel ich ein Yani T991 und versuch es mit einem alten Link 4* untenrum spielbarer und weicher zu machen. Die Frage ist, ob das Sinn macht.

Bis wann wurden denn Saxophone nach der parabolischen Form gebaut? Sind zB die Cannonball Big Bell auch so gebaut? Und wie ist Keilwerth einzuordnen?
Wächst denn das Gras schneller, wenn man daran zieht?
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Konzeptuelle Unterschiede zwischen amerikanische und französischen Bauformen 23 Apr 2005 19:13 #2603

  • michat
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Ja, die Einordnung der deutschen Saxophonbauer wäre sehr interessant!
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Konzeptuelle Unterschiede zwischen amerikanische und französischen Bauformen 23 Apr 2005 20:20 #2605

  • max
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Ventzke/Raumberger/Hilkenbach schreiben dazu:
"Es zeigt sich , daß heute eine gewisse Polarisierung stattgefunden hat: die Eigenschaften französischer und amerikanischer Instrumente sind deutlich und gut definierbar voneinander zu unterscheiden. Alle anderen Hersteller - deutsche, holländische, tschechische, italienische - sind irgendwo zwischen diesen Polen anzusiedeln, während Japaner und Chinesen (anm: die gesamte Produktion in Asien) bemüht sind, dem französischen Ideal nahezukommen - mit Erfolg. Dem Saxophonisten, der um diese Dinge weiß, eröffnen sich viele Möglichkeiten, das richtige Instrument und das passende Mundstück für den jeweiligen Zweck zu wählen und so die Intentionen von Adolphe Sax auf die bestmöglichste Weise zum Leben zu füllen."

Unddie Sache nochmal im Hinblick auf die von euch genannten Marken/Provenienzen:
Yanagisawa wie Yamaha auch orientierte sich lange Zeit ganz nach dem französischen Selmer bis hin zum genauen Nachbau. Beide Marken entwickeln erst in den letzten 10 bis 15 Jahren ein eigeneres Profil, das markentypische Bau-/Klangcharakteristika sichtbar werden lässt.

Mit der Entstehung eines Marktes für Vintage-Saxophone und dem "Revival" des amerikanischen Tons seit den 90er Jahren, der Wiederentdeckung der Klangqualität alter amerikanischer Saxophone, möchten alle großen Hersteller von dem Trend profitieren und bieten "Vintage-Style" Hörner an (Yani (bronze), Yamaha (82Z), Selmer (Reference), Keilwerth (SX90R), B&S (Medusa) etc...). Andere neue Hersteller wie Cannonball springen mit auf und gehen gleich ganz in die Richtung, um sich entsprechend zu profilieren.

All diesen Designs ist gemein, das Sie zwar versuchen, den Klang und das Feeling alter Amerikaner duch andere Materialien, geänderte Hälse, andere Bohrungen, Kamine, Knieform, etc. machzuahmen, keins dieser Saxophone besitzt jedoch einen parabolischen Korpus im klassischen Sinne.

Deutsche Saxophonbauer bauten vor dem Krieg allerdings wie Ihre oft amerikanischen Vorbilder auch parabolische Korpusse. In den Nachkriegsjahren war dies jedoch nicht mehr der Fall, das gilt auch für Qualitätssaxophone der 60er/70er Jahre wie z.B. Keilwerths Couf I und II.
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